Portrait eines radikalen Demokraten

[Biographie Felix Fechenbach]

Am 3. Februar 1914 versammeln sich etwa 25 Jugendliche im kleinen Saal des Gewerkschaftshauses in der Pestalozzistraße um eine „Jugend-Sektion“ des Sozialdemokratischen Vereins München zu gründen. Der Protagonist des Abends heißt Felix Fechenbach.

Am 28. Januar 1894 wird Felix als zweiter Sohn des Bäckers Noe Fechenbach in Mergentheim geboren. Die Eltern betreiben die einzige jüdische Bäckerei in Würzburg und haben es schwer Geld zu verdienen, da sie durch das Backverbot am Sabbat „keine regelmäßigen Lieferungen übernehmen können.“  

Nicht nur aufgrund seiner familiären Situation lernt er frühzeitig, selbstständig zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Als Angehöriger des klassischen Proletariats um die Jahrhundertwende kann er nur eine äußerst dürftige Schulausbildung wahrnehmen und bricht mit 13 Jahren die Schule ab.

Er beginnt 1910 eine Ausbildung in einer Schuhwarengroßhandlung in Würzburg und „genießt“ - nach eigenem Bekunden - zunächst die „relative Freiheit“. Schon im Alter von 16 Jahren tritt Fechenbach unter Einfluss seines älteren Bruders, der gewerkschaftlich aktiv ist, in den „Zentralverband der Handlungsgehilfen und -gehilfinnen Deutschlands“ ein und wird somit in der Arbeiterbewegung aktiv.

Parallel dazu engagiert er sich in der sozialdemokratischen Jugendbewegung, z.B. im Jugendbund Würzburg, die für ihn sozusagen zu seiner politischen Heimat wird. 1911 zieht er alleine nach Frankfurt am Main und wird erneut Handlungsgehilfe in einer Schuhwarengroßhandlung, wo er im Alter von 17 (!) Jahren einen Widerstand des Personals organisiert, welches bei schlechter Bezahlung noch zusätzliche unbezahlte Arbeitszeit leisten soll, woraufhin er entlassen wird.

Im Jahre 1912 zieht es Fechenbach nach München, wo er nach kurzer Tätigkeit in einem Schuhwarengeschäft als Hilfsarbeiter im Arbeitersekretariat der Gewerkschaft beschäftigt wird. Zusätzlich zu seinem Beratungsjob hält er Vorträge, schreibt für die Handelsgehilfen-Zeitung und für die Münchener Post (die Sozialdemokratische Zeitung) und besucht abends die Fortbildungsschule, um seine frühere lückenhafte Schulausbildung zu kompensieren.

Der Chemnitzer Parteitag 1912 empfiehlt, „durch geeignete Maßnahmen die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen im Alter von 18 bis 21 Jahren für die Arbeiterorganisation zu gewinnen.“ In München laufen die Vorbereitungen, so dass für den 3. Februar zu einer Versammlung zum Thema „Jugend und Partei“ geladen werden kann, die unter der Aufsicht von Magistratsrat Konrad Knieriem und Arbeitersekretär Johannes Timm stattfindet. Fechenbach hält vor etwa 25 Besuchern das Einführungsreferat und die Konferenz fordert in einer Entschließung, dass die Partei „für jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen im Alter von 18 – 21 Jahren planmäßige Bildungsveranstaltungen in regelmäßigen Abständen abhält. Durch die Veranstaltungen sollen die Jugendlichen im genannten Alter für die Arbeiterorganisation gewonnen und zu dauernden und aufgeklärten Mitgliedern derselben erzogen werden.“

Fechenbach will eigentlich eine eigenständige Organisation gründen, für die er in einem Artikel erstmals den Namen „Jungsozialisten“ verwendet. Die Partei aber lässt sich nur für eine Jugend-Sektion (Gruppe in der Partei) erwärmen und stellt drei Aufpasser für den fünfköpfigen Jungbeirat ab. Dafür handelt Fechenbach mit der Parteiführung den Kompromiss aus, dass der Einladerkreis bis zum Alter von 23 Jahren ausgeweitet werden darf. Doch bevor die „Jugend-Sektion“ so richtig ihre Arbeit durch die Organisation von Referaten und Bildungsveranstaltungen aufnehmen kann, bricht am 1. August der Krieg aus. Während des ersten Weltkrieges ist Fechenbach Patrouillenführer und wird mit dem Eisernen Verdienstkreuz II. Klasse geehrt. Jedoch erleidet er 1915 so schwere Verletzungen, dass er für kriegsuntauglich erklärt und in einem militärischen Büro in München eingesetzt wird. Sein politisches Engagement setzt er ohne Umschweife fort und trifft zum ersten Mal mit Kurt Eisner zusammen, der für ihn nicht nur zum Freund, sondern auch zum politischen Weggefährten und Vorbild wird. 

Von nun an widmete sich Fechenbach ausschließlich der Organisation von Massenversammlungen und Streiks, er verfasste illegale Flugblätter und arbeitete zusammen mit Kurt Eisner auf die Revolution hin, bei der er nicht nur als Organisator, sondern auch als Redner wichtige Funktionen wahrnahm. Der Appell „Soldaten! Auf in die Kasernen! Befreien wir unsere Kameraden! Es lebe die Revolution!“ stammt von Fechenbach höchstpersönlich.

Unter Kurt Eisner als Ministerpräsident des Freistaates Bayern wird er dessen persönlicher Sekretär und Referent. Nachdem dieser am 21. Februar 1919 auf dem Weg zum Landtag auf offener Straße erschossen wird, verlässt Fechenbach München im April 1919.

Am Tag darauf wird er wegen politischer Umtriebe gegen die Regierung Hoffmann verhaftet und in Schutzhaft genommen, jedoch kurze Zeit später wieder freigelassen. Am 12. August 1919 heiratet er die Medizinstudentin Martha Czernichowski und bekommt Gratulationen unter anderem auch von Albert Einstein.

Von nun an widmet sich Fechenbach ausschließlich der journalistischen Tätigkeit und schafft sich damit ein Fundament für seinen künftigen publizistischen Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Unter anderem gründet er ein Pressebüro, welches alle USPD-Zeitungen in Deutschland mit regionalen Berichterstattungen aus Bayern versorgt. Felix Fechenbach beobachtet argwöhnisch die rechtsradikalen Strömungen, denen die bayerische Gesellschaft nach dem Ende der Eisner- Regierung verfällt. Als eine zentrale Figur der Revolution vom November 1918 wird der Publizist nun wegen Landesverrats angeklagt. Das Urteil lautet elf Jahre Gefängnis sowie Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf zehn Jahre. Jedoch stößt das Urteil in der Öffentlichkeit auf starken Widerstand. Unter anderem opponieren 30.000 Bürger mit ihrer Unterschrift gegen dessen Gefangenschaft, so dass Fechenbach nach zwei Jahren und vier Monaten freigelassen wird.

Nach seinem Umzug nach Berlin arbeitet er als Redakteur verschiedener sozialdemokratischer Tageszeitungen und engagiert sich auch weiterhin in der Sozialistischen Arbeiterjugend in der Deutschen Liga für Menschenrechte. Am 26. September 1925 heiratet er die Krankenschwester Irma Eppstein, mit der er drei Kinder bekommt.

Als einer der ersten Sozialdemokraten überhaupt erkennt er die Gefahr, die von der erstarkenden NSDAP ausgeht und beginnt seinen publizistischen Kampf gegen die Nazis mit Hilfe der Detmolder SPD-Zeitung „Volksblatt“. Nicht nur Fechenbachs eigene jüdische Herkunft veranlasst ihn zum Kampf gegen diese Partei, sondern auch sein vehementes und ausgeprägtes Demokratieverständnis treibt ihn dazu, gegen die „faschistischen Umtriebe“ zu opponieren.

Dazu erschafft er eine frei erfundene „Nazi-Jüsken“. Mit dieser Kolumne macht der Journalist sich über die Nazis lustig und schafft sich durch sein unerschrockenes Auftreten für demokratische Rechte viele Feinde im nationalistischen Lager.

Das Jahr 1933 wird – nicht nur für Deutschland im Allgemeinen – sondern auch für Felix Fechenbach im Besonderen ein Schicksalsjahr: Die Schikanen beginnen kurz nach der Machtergreifung mit dem Ausschluss aus der Pressekonferenz der Landesregierung. Nachdem sich Fechenbachs Frau mit den Kindern schon in Richtung Augsburg in Sicherheit gebracht hat, wird er am 11. März 1933 in „Schutzhaft“ genommen.

Himmler persönlich veranlasst nun, den „Verräter“ ins KZ Dachau zu überführen. Jedoch melden sich einige führende Nazis zu Wort und verlangen, mit Fechenbach kurzen Prozess zu machen. Bei einem Gefangenentransport nach Dachau wird er von einem der vier SA- und SS-Männer Wiese, Focke, Segler oder Grüttemeyer angeblich „auf der Flucht“ am 7. August 1933 durch mehrere Schüsse ermordet. 

Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. Nur zwei der Täter wurde nach 1945 der Prozess gemacht, SA-Sturmführer Segler wurde gar amnestiert. Irma Fechenbach kann in die Schweiz und mit Hilfe Albert Einsteins später in die USA fliehen. Felix Fechenbach liegt auf dem jüdischen Friedhof in Rimbeck begraben. 


Nikolaus Gradl und Oliver Kohlmaier
Jusos München